04 Jun

Werdewelt macht „den Kohl fett“

Wie oft nahm ich mir schon vor: „Kuntz, jetzt hältst du mal die Klappe. Jetzt lästerst du nicht mehr gegen die Selbstinszenierung und -vermarktung so mancher Berater.“

 

Denn klar ist ohnehin, wie die Lautsprecher der Szene auf eine kritische Rückmeldung reagieren: mit der dümmlichen Replik „Der Kuntz ist nur neidisch, dass…“ – also dem Totschlagargument aller Möchte-gern-Gurus, die sich nicht nur verbal gerne weit aus dem Fenster lehnen, wenn eine Person mal ihr Handeln oder ihre Äußerungen hinterfragt.

 

Der Beratermarkt ist auch ein Markt der Eitelkeiten

Zudem denke ich meist, wenn ich mal wieder auf eine Merkwürdigkeit stoße, über die ich innerlich den Kopf schüttle „Das macht den Kohl auch nicht mehr fett“. Schließlich weiß jeder Insider, dass der Beratermarkt auch ein Markt der Eitelkeiten ist, in dem es nicht selten (Vorsicht, jetzt werde ich zottig) auch darum geht, wer den Größten (ich meine selbstverständlich Porsche 🙂) hat.

 

So werde ich zum Beispiel kein Wort mehr darüber verlieren, wie viele „seriöse“ Berater sich stolz mit irgendwelchen gekauften „Gütesiegeln“ schmücken, obwohl sie selbst wissen, dass

  • sie hierfür den Betrag x bezahlt haben und
  • diese „Auszeichnungen“ letztlich eine Kundenverarschung sind.

 

Beraterauszeichnungen sind meist Hokuspokus und Muckefuck

Doch dann geschehen immer wieder Dinge, bei denen selbst ich nach 30 Jahren Arbeit als Marketingberater für Berater sprachlos bin, ob der „Geschmacklosigkeit“. Oder sollte ich sagen „Unverfrorenheit“?

 

So würde ich auch kein Wort mehr über die verschiedenen „Berater-Clubs“ verlieren, deren Funktion primär darin besteht, dass sich deren Mitglieder wechselseitig

  • mit irgendwelchen Awards auszeichnen, die dann in Pressemitteilungen zum Beispiel vollmundig als die „Oscars“ der Trainer-, Berater- oder Speakerzunft bezeichnet werden, oder
  • solche wohlfeilen Titel verleihen wie „Trainer…“, „Entrepreneur…“ oder „Speaker des Jahres“.

 

Sohn des Ex-Bundeskanzlers ist eine herausragende Persönlichkeit!!!

Doch dann blieb mir mal wieder die Spucke weg – nämlich als mir letzte Woche ein Redakteur mit fünf Smilies eine Pressemitteilung mit folgendem Titel weiterleitete: „Ausgezeichnete Persönlichkeit – Walter Kohl erhält den Personal Brand Award: Die Personal Branding Experten der werdewelt verleihen den Personal Brand Award für herausragende Persönlichkeit.“

 

In dieser Pressemitteilung, die Werdewelt zurzeit über alle Medien streut, steht nämlich nichts anderes, als dass die Marketing-Agentur den von ihr selbst ins Leben gerufenen Personal Branding Award an einen ihrer Kunden (siehe Werdewelt– und KohlConsult-Webseite), nämlich den „Unternehmensberater, Redner, Volkswirt, Historiker und Autor“ Walter Kohl verleiht – und zwar, weil er „auf ganzer Linie mit seiner Persönlichkeit (überzeugt) und damit für Personal Branding in Reinform (steht).“

Und der Agenturinhaber Benjamin Schulz fährt in seiner Laudatio für den Sohn des Ex-Bundeskanzlers Helmut Kohl in der Pressemitteilung fort: „Walter Kohl bringt eine herausragende Persönlichkeit mit. Er lebt … konsequent Authentizität und Echtheit. Das ist auch deutlich in der Öffentlichkeit und durch seine professionelle Außendarstellung spürbar. Seine ‚Marke‘ ist eng mit seiner eigenen Persönlichkeit verknüpft und daher ist er prädestiniert für unseren Personal Brand Award.“

 

Geniale Idee: Ein eigener Award für die eigenen Kunden

Inwieweit der Sohn von Helmut Kohl, der sich auch konsequent als solcher vermarktet (und zugleich öffentlich sein Schicksal als Kanzler-Sohn beklagt) eine „herausragende Persönlichkeit“ ist, das weiß ich nicht. Ich kenne ihn ja nicht. (Er soll jedoch, wie ich von Menschen, die ihn persönlich kennen, höre, nicht nur „privat“ eine sehr angenehme Person sein.) Als Marketing-Agentur jedoch auf die geniale Idee zu kommen, einen eigenen Preis ins Leben zu rufen und diesen dann Kunden zu verleihen, das ist schon „herausragend“, wenn nicht gar einzigartig. Ich hatte einen solchen Geistesblitz noch nicht!

 

Award dient nur der Selbstinszenierung der Werdewelt

Wozu die Preisverleihung faktisch dient, wird schnell klar, wenn man die Pressemitteilung ganz liest: der Selbstvermarktung der Agentur Werdewelt und der Selbstinszenierung von Benjamin Schulz, dem „CEO der Personal Branding Agentur“. Denn faktisch wird in der Mitteilung die Preisverleihung an Walter Kohl nur als Aufhänger genutzt, um ein Loblied auf Werdewelt zu singen und in epischer Breite zu beschreiben, wie toll die Marketingagentur ist und was sie alles kann.

 

Mein Gott Walter, hast Du das nötig?

Mein Gott Walter, warum lässt Du Dich für so etwas gebrauchen? Ist es Dir so wichtig, dass Dein Name mal wieder in der Presse steht? Das hast du als „echte Persönlichkeit“ doch gar nicht nötig.

 

PS.: Auch Benjamin Schulz wurde übrigens eine Auszeichnung verliehen, wie Werdewelt in einer Pressemitteilung – drei Wochen vor der Kohl-Meldung – verkündet hat. Der „Personal-Branding-Experte wurde“, laut Pressemitteilung, von ‚Die Deutsche Wirtschaft‘ als Exzellenzberater ausgezeichnet.“

 

Von diesem Club bzw. der  DDW Die Deutsche Wirtschaft GmbH in Neuss, die sich – so mein Eindruck – auf sogenannte Präsentationswerbung spezialisiert hat, hatte ich zwar zuvor noch nie etwas gehört, doch diese liegt sicherlich an meiner Marktunkenntnis. Glückwunsch, Herr Schulz.

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