07 Okt

Hurra, die Krise ist da – oder auch nicht

Seit einigen Monaten spüren wir, dass viele im B2B-Bereich tätige Berater und Trainer sowie Coaches und Speaker zunehmend nervös werden.

 

So klagen sie zum Beispiel in Telefonaten regelmäßig darüber, dass ihre B2B-Kunden immer zögerlicher und zurückhaltender mit der Vergabe von Aufträgen würden – unter anderem aufgrund des Dauerbrenners Brexit sowie der von Donald Trump angezettelten Handelskonflikte und politischen Konflikte. Und größere Projektaufträge, die würden sie fast nicht mehr vergeben, da selbst die Unternehmensführer oft nicht wüssten, wohin mittel- und langfristig technologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich die Reise geht.

 

Die Auftragsbücher mancher Berater leeren sich

Deshalb erhalten wir auch vermehrt Anfragen von Beratern, denen sprichwörtlich der Kittel brennt – weil absehbar ist: In drei, vier Monaten sind ihre Auftragsbücher (fast) leer. Also fällt ihnen plötzlich wieder ein „Da gibt es doch so eine Disziplin, die Marketing (und Vertrieb) heißt“ – zumal ohnehin der Monat Oktober begonnen hat, von dem vielen Berater noch glauben „In ihm machen die Unternehmen ihre Budgets fürs Folgejahr“, weshalb sie in diesem Monat Jahr für Jahr in eine operative Hektik verfallen.

 

Krise oder Umstrukturierungsprozess?

Zweifellos stecken einige Branchen – wie zum Beispiel die Automobil- oder Finanzbranche – in Deutschland zurzeit in einer (Dauer-)Krise. Doch ob die deutsche Wirtschaft in einer Krise steckt, offen gesagt, ich weiß es nicht. Eher scheint es mir, ein Umstrukturierungsprozess zu sein, der als Krise empfinden wird und den gewisse Beratergruppen – insbesondere solche, deren Leistungen aus Unternehmenssicht „Nice to have“ sind – als „Krise“ erleben.

 

Artikel „Krise als Chance“ sind wieder gefragt

Dies schlägt sich auch in den Themen nieder, über die die Berater von uns gerne Artikel in den Print- und Online-Medien platziert hätten. Schrie vor drei, vier Monaten gefühlt noch alle Welt nach Artikeln zu Themenkomplexen wie „Agilität“, „Digitale Transformation“ und „New Work“, so poppen nun solche Themen auf wie „Krisenmanagement“, „Turnaround“, „Prozess-Optimierung“ und „Preise verteidigen“. Selbst Klassiker wie Business Reengineering sind plötzlich wieder gefragt.

 

Und lautete vor drei, vier Monaten noch der Tenor der meisten Artikel „die Führung…“,  „die Kultur…“, „der Mindset muss sich ändern“, so lautet nun der Grundtenor „Die Krise als Chance erkennen und nutzen“.

 

Alte Krisen-Artikel aus der Schublade holen

Für unsere Stammkunden, die uns schon mehr als 10 Jahre die Treue halten, recht kurzfristig solche Artikel zu schreiben und in Zeitschriften zu platzieren, ist für uns kein Problem. Hierfür müssen wir nur in unseren Archiven nachschauen, welche Artikel wir 2008 nach Ausbruch der Finanzkrise für sie verfasst haben und die passenden Manuskripte etwas aktualisieren, bevor wir sie erneut Medien zum Veröffentlichen anbieten.

 

Insofern ist die aktuelle „Gezeitenwende“ für uns recht angenehm, denn es ist für uns einfacher, die alten „Krise als Chance“-Artikel zu recyclen bzw. zu aktualisieren als über solche Themen wie Agilität und Digitale Transformation zu hirnen – zumindest wenn in den Artikeln inhaltlich etwas mehr stehen soll als: Der Mindset muss sich ändern.

 

Ist die Krise wirklich für jeden eine Chance?

Die einzige Frage, auf die wir und unsere B2B-Kunden in unseren Krise-als-Chance-Artikeln noch keine überzeugende Antwort gefunden haben, ist: Wie vermittelt man den Frauen und Männern, die bei den krisenbedingten Umstrukturierungsmaßnahmen nicht zu den „Survivor“ zählen, sondern entlassen werden, glaubhaft, dass die Krise für sie eine Chance ist?

 

Doch dafür sind ja auch nicht die B2B-Berater zuständig, darum kümmern sich nach der Entlassung die B2C-Berater.

 

Blog-Beitrag „Hurra, die Krise…“ in Online-Medien erschienen

Ergänzung, 11.10.2019 – Inzwischen ist dieser Blog-Beitrag übrigens in leicht modifizierter Form in mehreren redaktionellen Online-Medien in der DACH-Region erschienen – u. a. in medianet.at

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